Konstruktionszeichnungen des Neuen Lusthauses in Stuttgart

Einzigartiges Konvolut von fünf Architekturzeichnungen – enthaltend drei zeitgenössische Konstruktionszeichnungen des Neuen Lusthauses in Stuttgart, sowie die beiden einzigen bislang bekannten, zeitgenössischen Zeichnungen des Collegium Illustre in Tübingen und des Neuen Marstalls zu Stuttgart. Zwischen 1608-1628 und um 1585-1590.

  1. „Dag Stul an dem Neuen Lusthauß zu Stuttgarden dem Herzog Johan Friederichen zu gehorig“ – Federzeichnung, teils laviert. Zwischen 1608-1628. – Querschnitt des Dachstuhls mit angehängter Aufsicht des vierten Geschoßes. Aus zwei Blättern zusammengesetzt. – Wasserzeichen: springender Hirsch mit den Buchstaben BM. – unter der Darstellung mit Baumeisterzeichen signiert. – Blatt-Maße: 80,5 x 30,5 cm
  2. Vorzeichnung zu 1) – Querschnitt des Dachstuhles vom Stuttgarter Lusthaus Federzeichnung über Bleistift, teils laviert, mit mathematischen Berechnungen und textlichen Maßbeschreibungen in Bleistift, teils mit Feder nachgezogen.  – Zwischen 1608-1628. – Wasserzeichen: wie 1) – Blatt-Maße: ca. 40,5 x 30,5 cm.
  3. „Daß Collegium zu Tübingen“ – Querschnitt des Collegium Illustre in Tübingen. Federzeichnung, teils laviert. – Zwischen 1608-1628. – Wasserzeichen: wie 1) – Blatt-Maße: 42 x 29,5 cm
  4. „Solcher gestalt ist d(er) Durm einer Zu Stutgart im Neuen Marstal bau“ Federzeichnung teils laviert. – Zwischen 1608-1628. – Wasserzeichen: wie 1) – Blatt-Maße: 41 x 25 cm
  5. „Daß Lusthauß zu Stutgard d(er) Dagstul datzu“ Federzeichnung mit textlichen Maßbeschreibungen – Querschnitt des Dachstuhls. – um 1585-1590 – Wasserzeichen: Wappenschild mit Buchstabe R. – Blatt-Maße: 60 x 40,5 cm.

Das Neue Lusthaus in Stuttgart gilt als eines der bedeutendsten deutschen Bauwerke der Renaissance. Es war neben seiner innovativen Bauweise vor allem aufgrund der aussergewöhnlichen Dimensionen seines Festsaales bis weit über die Grenzen Deutschlands berühmt. Durch seine gewaltigen Ausmaße von 201 × 71 × 51 Fuß (57,5 × 20 × 14,5 Meter) zählte der Festsaal des Neuen Lusthauses zu den allergrößten Sälen seiner Zeit. Die Spannweite konnte nur duch eine für die damalige Zeit einzigartige Dachkonstruktion erreicht werden. Die Verbreitung der wenigen heute erhaltenen zeitgenössischen Konstruktionszeichnungen des Dachstuhles vom Neuen Lusthaus lässt vermuten, welche Bedeutung dessen Konstruktion für die Baumeister seiner Zeit gehabt haben muss. Aussergewöhnlich ist die Aufsicht des vierten Dachbodens in Zeichnung 1). Eine derartige zeitgenössische Zeichnung des Lusthauses war bis heute nicht bekannt.

Die Zeichnungen 1) bis 4) stammen vom selben Baumeister, welcher die Zeichnung 1) mit seinem Baumeisterzeichen signiert hat. (nicht bei Klemm – Württembergische Baumeister und Bildhauer bis ums Jahr 1750). Diese vier Blätter haben dasselbe Wasserzeichen (springender Hirsch mit den Buchstaben BM), welches im Raum Stuttgart, Esslingen und Ulm zwischen 1603 und 1630 aufzufinden ist. (laut Wasserzeichen-Informationssystem). Auf Zeichnung 1) wird das Lusthaus als „dem Herzog Johan Friederichen zu gehorig“ bezeichnet, welches auf ein Entstehungsdatum zwischen 1608 und 1628 schließen lässt, da Friedrich Wilhelm von 1608 bis zu seinem Tod im Jahre 1628 Herzog von Württemberg war. Während der Zeichner bei allen vier Zeichnungen augenscheinlich derselbe ist, ist die Handschrift auf Zeichnung 1) vermutlich jedoch eine andere als auf den Zeichnungen 2) bis 4), sodass es auch sein kann, dass das Entstehungsjahr der Zeichnungen vor 1608 liegen könnte. Das Neue Lusthaus war der bedeutendste Bau des württembergischen Baumeisters Georg Beer (geb. um 1527 in Bönnigheim; gest. 1600 in Stuttgart). Zu seinen Werken zählen auch das Collegium Illustre in Tübingen. Heinrich Schickhardt (geb. 1558 in Herrenberg; gest. 1638 in Stuttgart) war Georg Beers Gehilfe beim Bau des Neuen Lusthauses und der Neue Marstall (Neue Bau) zu Stuttgart gilt als sein Hauptwerk. Schickhardt war ebenso am Bau des Collegium Illustre in Tübingen beteiligt. Es ist nicht verwunderlich, dass alle Zeichnungen Bauten zeigen, welche entweder Georg Beer oder Heinrich Schickhardt entwarfen oder an denen sie mitwirkten. Beide gehörten zu den bedeutendsten Baumeistern ihrer Zeit in Württemberg. Auch waren das Neue Lusthaus und der Neue Marstall in Stuttgart damals schon bis über die Grenzen Württembergs hinaus berühmt. Man kann vermuten, dass zumindest der Urheber der Zeichnungen 1) bis 4) ein württembergischer Baumeister aus dem Umfeld von Georg Beer und Heinrich Schickhardt ist, er sie vielleicht kannte und deren Konstruktionszeichnungen als Vorlagen für vorliegende Zeichnungen dienten.

Zeichnung 5) ist von anderer Hand gezeichnet und kann aufgrund des Wasserzeichens einem norddeutschen Baumeister zugeordnet werden. Sie ist die älteste Zeichnung in dem Konvolut. Die Ausführung ist völlig verschieden und auch zu allen anderen bisher bekannten Konstruktionszeichnungen sind markante Unterschiede zu erkennen. Der Maaßstab ist ein viel größerer als bei allen bisher bekannten Zeichnungen des Dachstuhls und das dementsprechend große Blattformat ist für das Aufbewahren in einem Baumeisterbuch eher ungeeignet. Das Papier trägt das Wasserzeichen Wappenschild mit dem Buchstaben R, welches bisher nur im norddeutschen Raum um Luptz (Lübz) und Gottorp um das Jahr 1585 auftaucht (laut Wasserzeichen-Informationssystem). Die Entstehung der Zeichnung ist somit um 1585-1590 zu datieren. Damit wäre es die älteste überlieferte Konstruktionszeichnung des Lusthauses und sogar noch während dem Bau des Lusthauses entstanden. Der große Maßstab, die markanten Unterschiede von Konstruktionsdetails und die Unterschiede in der Darstellung lassen vermuten, dass die Zeichnung höchstwahrscheinlich eine Kopie nach einer Original-Konstruktionszeichnung zum Neuen Lusthaus ist. Auch sind auf ihr Baudetails eingezeichnet, welche im fertigen Bau so nicht zur Ausführung gekommen sind, wie die kleinen quadratischen Verstärkungen im Rundbogen und die schräge Stellung der senkrechten Verstrebungsbalken. In keiner anderen Konstruktionszeichnung zum Dachstuhl des Lusthauses wurde dies so gezeichnet, was ebenso ein Indiz dafür ist, dass es sich bei vorliegender Zeichnung um eine Kopie einer für den Bau des Lusthauses angefertigten Vorzeichnung handelt. Dies wäre allerdings ein historischer Fund, da selbst die älteste bisher erhaltene Zeichnung des Lusthauses im Baumeisterbuch Jakob Stromers, welche ebenfalls in die Zeit des Baues zu datieren sein könnte, eine Kopie nach einem späteren Bauriss ist. Bislang waren nur zwei zeitgenössische Konstruktionszeichnungen des Stuttgarter Lusthauses bekannt. Zum einen die Zeichnung des Querschnittes im Baumeisterbuch Jakob Stromers, entstanden wahrscheinlich zwischen 1589 und 1603, zum anderen die Zeichnung des Querschnittes des Dachstuhls aus dem Planbuch Johann Ardüsers, entstanden vor 1654. Stromers Baumeisterbuch befindet sich heute im Staatsarchiv Nürnberg , die Planbücher von Johann Ardüser in der Zentralbibliothek Zürich. Eine dritte Zeichnung aus dem Wetzlarer Skizzenbuch um 1615-1617 wurde 1928 bei einem Brand zerstört. In Stuttgart selbst befinden sich unseres Wissens keine zeitgenössischen Konstruktionszeichnungen zum Neuen Lusthaus.

Von eigenem Interesse sind auch die Zeichnungen 3) und 4), welche den Querschnitt des Collegium Illustre in Tübingen und den Querschnitt eines Daches der vier Ecktürme des Neuen Marstalls zu Stuttgart zeigen. Von beiden Gebäuden waren unseres Wissens nach bislang keine zeitgenössischen Konstruktionszeichnungen bekannt. Vom Neuen Marstall in Stuttgart, erbaut zwischen 1600 und 1609, gibt es nur wenig zeitgenössisches Quellenmaterial. Der Bau brannte im Jahre 1757 innerlich aus und wurde in den Jahren 1779 und 1782 komplett abgetragen. Somit ist vorliegende Zeichnung eine der ganz wenigen zeitgenössischen Quellen zur ursprünglichen Architektur des Neuen Marstalls in Stuttgart. Auf der bekannten Merian’schen Vogelschauansicht von Stuttgart ist die Architektur der vier Ecktürme, wie sie in vorliegender Zeichnung detailliert dargestellt wird, gut zu erkennen. Auch das Collegium Illustre ist heute nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand erhalten. Sowohl das Dachwerk, als auch der Keller und die Kellerfenster sehen heute anders aus als auf vorliegender Zeichnung. Der Bau muss also in der Vergangenheit umgebaut worden sein.  Die Zeichnung 3) des vorliegenden Konvolutes ist somit die einzige bis heute bekannte Quelle, welche den ursprünglichen Zustand des Collegium Illustre in Tübingen zeigt.

Konstruktionszeichnungen der Renaissance sind heute nur selten auf dem Markt. Vorliegendes Konvolut ist zudem von besonderem Wert, da es nicht nur zeitgenössische Zeichnungen vom Neuen Lusthaus in Stuttgart enthält, einem der bedeutendsten Gebäude der deutschen Renaissance, sondern höchstwahrscheinlich sogar dessen älteste erhaltene Konstruktionszeichnung.  In Bezug auf das Collegium Illustre in Tübingen und den Neuen Marstall zu Stuttgart liegen ebenfalls die ältesten und wohl auch einzigen zeitgenössischen Konstruktionszeichnungen vor. Ein für die Wissenschaft und die Geschichte der württembergischen Architektur hoch bedeutendes Konvolut.

Wir danken Herrn Nikolai Ziegler für die freundliche Unterstützung bei der Bearbeitung.

Literatur:

– Nikolai Ziegler: Zwischen Form und Konstruktion. Das Neue Lusthaus zu Stuttgart. Ostfildern, Thorbecke, 2016

– Nikolai Ziegler: „Eine der edelsten Schöpfungen deutscher Renaissance“ Das Neue Lusthaus zu Stuttgart. Begleitbuch zur Ausstellung. Stuttgart, Kohlhammer, 2016

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