Neidinger, Johann – Brauch-Büchlein.

Hohenstadt (Baden-Württemberg), 1796.

Halbleder der Zeit [15,5 x 9,5 cm]. [40] Bl. Mit ca. 80 Anleitungen. — Das Büchlein ist ein Zeugnis ländlicher Heilkunde und Magie. Es beginnt mit einem religiösen Motto: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“. Das Manuskript stellt ein außergewöhnliches Zeugnis der ländlichen Alltagskultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts dar, in der die Grenzen zwischen praktischer Tierheilkunde, häuslicher Pharmazie und religiöser Magie fließend ineinander übergehen. Der Verfasser Johan Meidinger dokumentierte ab 1796 ein Wissen, das heute als Sympathiemagie bezeichnet wird und tief im christlichen Volksglauben verwurzelt ist. Ein markantes Beispiel hierfür ist das großflächig eingetragene SATOR-Quadrat, ein jahrhundertealtes Schutzpalindrom, das durch die Beigabe von Kreuzzeichen sakral aufgeladen wurde, um Unheil abzuwenden, hier zeilenweise als „SATOR / AREPO / TENET / OPERA / ROTAS“ festgehalten.

Die im Text enthaltenen Segen folgen oft dem Prinzip der heiligen Analogie. So findet sich ein klassischer Blutsegen, der die Existenz von 3 Blumen auf dem Grab Christi beschwört: „Es stehen 3 blümlein auf dem Heiligen grab die 1 ist gottes gab die 2 ist gottes kraft die 3 ist gottes will, so stehet Blut und schmerzen stil. XXX“. In ähnlicher Weise wird ein Brandsegen gegen Verbrennungen eingesetzt, in dem geschildert wird, wie Christus über Land geht und dem Leiden befiehlt: „gott der Herr spricht zu dem brand brand du solts nicht hitze, und auch nicht schwitze, du solts bald heil werden“. Diese rituellen Formeln stehen unmittelbar neben sehr profanen, handfesten Ratschlägen für die Stallarbeit. So wird bei einem verletzten Viehfuß das feste Zudrücken empfohlen („So ein Vieh findet hat sich ein Vieh in einen nagel gestochen […] so Drück hart darin binde es zu“), während bei Appetitlosigkeit eines Kalbes eine kräftigende Beigabe hilft: „schneid ein Stücklein von der obern rinden aus einem laib brot siede in ein schmalz pfännlein“.

Besonders aufschlussreich für die historische Materia Medica sind die erwähnten Hilfsmittel. Zur Behandlung der Gallsucht bei Rindern greift Meidinger auf chemische Substanzen zurück und schreibt: „Nim gallitzenstein in ein loch, und lege in in ein glas Alten wein laß unter nacht stehen daß er darinn schmelzet“. Bei allgemeiner Vergiftung oder Verhexung des Viehs kommt archetypische Symbolik zum Einsatz: „Wann Vieh vergeben wird Nim rothes garn, und siede in Essig hernach binde es dem Vieh darüber“. Sogar für die Vertreibung von Schädlingen wie Ratten finden sich Rezepte, die auf Abschreckung setzen: „schmier die ritzte mit Butter so vergehet es oder setz in ein Körblin wagen Schmir so wandern sie hinaus“.
Das Büchlein dokumentiert somit eine Weltanschauung, in der die Heilung gleichermaßen durch die materielle Substanz wie durch das korrekte heilige Wort gesichert werden musste. — Einband etwas beschädigt, Seiten teils etwas fleckig, Vorsatz mit altem Besitzvermerk: Stempel von „Dr. Gießberger“, sonst gut erhalten.

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