Lichtenstädter, Adolf W.: Kriegschronik/Kriegstagebuch. 5 Bände.

Nürnberg 1914-1918.

Leinen-Einbände [21 x 17 cm]. Eigenhändiges Manuskript in schwarzer Tinte. ca. 280 unnum. Bl. (meist beidseitig beschrieben), mit zahlreichen mont. Beilagen (Essensmarken: Fleischkarte, Milchkarte, Brotkarte, Seifenkarte, Zeitschrift-Artikel, Karten, Postkarten etc.); Band 5 am Ende mit ca. 15 unbeschriebenen Blättern. — Handschriftliche persönliche Chronik des Ersten Weltkriegs, verfasst von dem jüdischen Kaufmann Adolf W. Lichtenstaedter. Das Manuskript dokumentiert den Zeitraum von der Mobilmachung 1914 bis zur retrospektiven Einordnung im Jahr 1920.
Adolf Lichtenstaedter war bereits im Offiziellen Katalog der Bayerischen Landes-Industrie-, Gewerbe- und Kunst-Ausstellung 1896 mit seinem Kurzwarengeschäft verzeichnet. Seine kaufmännische Prägung – er erwähnt im Text wiederholt geschäftlich bedingte Reisen – verleiht der Chronik eine besondere Tiefe, da er den Fokus nicht auf militärische Strategien, sondern auf die sozioökonomischen Auswirkungen des Krieges legt.
Das Werk besticht durch eine Fülle eingeklebter Original-Dokumente aus dem Nürnberger Kriegsalltag. Enthalten sind unter anderem bayerische Landes-Brotmarken, Butter- und Seifenkarten der Stadt Nürnberg von 1916 sowie seltene Fett-Karten oder Fleischkarten. Diese Artefakte werden durch zeitgenössische Zeitungsberichte, politische Karikaturen (u. a. zum Kriegseintritt Italiens) und kulturgeschichtliche Notizen, wie eine handgezeichnete Skizze zur Damenmode im Kriegsjahr 1914/15, ergänzt.

Von besonderem Wert ist die jüdisch-biografische Perspektive des Autors. Lichtenstaedter fügte die Traueranzeige des jüdischen Leutnants Hermann Samuel in seine Chronik ein und versah sie mit der pointierten handschriftlichen Bemerkung „(Für Antisemiten)“. Diese Notiz stellt ein wichtiges Zeugnis des jüdischen Selbstverständnisses und des Protests gegen die aufkeimende antisemitische Legendenbildung während der Kriegsjahre dar.
Adolf W. Lichtenstaedter versteht seine Chronik nicht als privates Tagebuch, sondern als ein bewusst für die Nachwelt geschaffenes Dokument. In seinem Vorwort von 1920 kritisiert er scharf die damalige Presse und die politische Führung, denen er vorwirft, das Volk über die Aussichtslosigkeit des Krieges getäuscht zu haben. Sein Ziel war es, den Kontrast zwischen der Opferbereitschaft der Soldaten an der Front und dem Profitstreben der „Kriegsfavoriten“ in der Heimat festzuhalten. Mit der Übergabe des Manuskripts an einen „Heimatsvater“ verfolgte er die Absicht, eine objektive Quelle zu hinterlassen, die jenseits der offiziellen Propaganda den tatsächlichen Kriegsalltag und die Stimmung in der Bevölkerung belegt. — Einbände teils stärker berieben, sonst gut erhalten.

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