Geltshauser, Deocher – „Irrfahrten“ – Tagebuch des Paters Deocher Geltshauser E. C., Patient in der Irrenanstalt im Kloster Irsee. 7 Bände.

Kloster Irsee (Kaufbeuren), 1868-1870.

Zeitgenössische Papierumschläge mit handschriftlichen Titelschildern auf den Vorderdeckeln. Manuskript in brauner Tinte. ca. 1200 unpag. Seiten. — Das vorliegende, sehr umfangreiche Tagebuch umfasst die persönlichen Aufzeichnungen eines Paters des Franziskanerordens (P.O.S.F.) namens Deocher Geltshauser. Die Hefte dokumentieren einen Zeitraum von 2 Jahren während seines Aufenthalts als Patient in der Anstalt Irsee.
Die Aufzeichnungen bieten einen sehr spezifischen Einblick in das Leben innerhalb der Anstalt Irsee. Der Verfasser protokolliert unter dem Titel „Irrfahrten“ chronologisch seine Erlebnisse, beginnend mit dem Februar 1868. Der Inhalt ist geprägt von einer Mischung aus medizinischer Selbstbeobachtung und der Dokumentation des Anstaltssystems. Geltshauser notiert akribisch seine physische Verfassung nach dem Aufstehen, die Qualität seines Schlafes sowie die Wirkung der verabreichten Mahlzeiten und Getränke (wie etwa Suppe, Wein oder Bier).

Ein wesentlicher Teil der Texte widmet sich den Interaktionen mit dem Personal und der Leitung der Anstalt. Er beschreibt Visiten und Gespräche mit Ärzten wie Dr. Kraft und Dr. Arnold, wobei er häufig deren Anordnungen oder Aussagen wiedergibt. Die Notizen enthalten zudem Details über den Kontakt zu Mitpatienten, Spaziergänge im Garten, Besuche von Verwandten oder Mitbrüdern sowie den Empfang von Briefen und Paketen. Neben den Alltagsprotokollen finden sich in den Heften auch tiefergehende Reflexionen. Hier thematisiert Geltshauser seine Isolation, religiöse Fragen und seine Identität als Pater in der ungewohnten Umgebung der „Irrenanstalt“. Die Texte sind oft mit genauen Zeit- und Ortsangaben versehen und enthalten wiederkehrende Beobachtungen zu Wetterphänomenen, die er in Bezug zu seinem eigenen Wohlbefinden setzt. — Die ehemalige Kreis-Irrenanstalt Irsee, untergebracht in den monumentalen Gebäuden des einstigen Benediktinerklosters, stellt ein bedeutendes und zugleich erschütterndes Denkmal der bayerischen Psychiatriegeschichte dar. Nach der Säkularisation wurde die Anlage im Jahr 1849 als erste bayerische Heil- und Pflegeanstalt für den Regierungsbezirk Schwaben eröffnet, wobei die barocke Architektur des Klosters zweckfremd an die Bedürfnisse der frühen Psychiatrie angepasst wurde. Während das Haus im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Reformpsychiatrie zunächst als modern galt, erlangte die Anstalt während der Zeit des Nationalsozialismus traurige Berühmtheit als Schauplatz der „Euthanasie“-Verbrechen. Im Rahmen der „Aktion T4“ und der anschließenden dezentralen Vernichtung wurden hunderte Patienten von Irsee aus deportiert oder durch gezielte Mangelernährung und Medikamentenmissbrauch vor Ort ermordet. — Die Zuschreibung an Deocher Geltshauser erfolgt durch einen zeitgenössischen handschriftlichen Namenseintrag auf dem 1. Titelblatt sowie auf dem letzten Einband-Titel, vermutlich von einem Arzt oder Angestellten der Anstalt. — gut erhalten.

sold/verkauft